Authorship and Ownership

Biografische Daten zum Kochbuch der Paula Bieber, vh. Wagenitz

von Albrecht Bischoff

MS Bieber

Das Kochbuch wurde handschriftlich von Paula Bieber im März 1894 begonnen und über viele Jahre weiter fortgeschrieben.
Auguste Pauline Christiane (genannt „Paula“) Bieber wurde am 15.10.1876 in Berleburg (seit 1971: Bad Berleburg) geboren. Sie stammte aus der drei Jahre vorher geschlossenen Ehe des Buchhalters Friedrich Karl Bieber (12.04.1844 – 05.07.1924) und der Emilie Franziska Bieber, geb. Wahl (05.03.1854 – 29.2.1920), beide Eltern wurden in in Berleburg geboren und sind auch dort gestorben. Paula wurde am 06.12.1876 in Berleburg evangelisch getauft.

Paula Bieber, Straßburg (Privatbesitz)

Im Herbst 1882 wurde Paulas Vater nach Straßburg versetzt. Straßburg und das Elsass gehörten seit 1871 als Teil von Elsass-Lothringen zum von Preußen geführten deutschen Kaiserreich. Zunächst wohnte die Familie in der Kleingasse (heute Rue Klein), einer Nebengasse der sehr lebhaften Metzgergasse (heute Rue d’Austerlitz). Im Frühjahr 1883 wurde Paula eingeschult in das Institut Bon Pasteur, eine höhere Mädchenschule der Diakonissenanstalt in Straßburg-Finkweiler (vermutlich heutige Adresse: 7, Rue Saint-Marc). Im Sommer zog die Familie um in eine Wohnung gegenüber des Militär-Lazaretts (Militärlazarettstraße in Straßburg, heute vermutlich 1, Rue de l’Hôpital-Militaire). Ihre Schulkameradin Else wohnte nun schräg gegenüber, und so entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.

Paula Bieber, Straßburg (Privatbesitz)

Paula beschrieb sich selbst in ihren handschriftlichen Erinnerungen als „kleiner runder Pummel mit einem braunen Wuschelkopf“, genannt wurde sie „Paulchen“. Konfirmiert wurde sie in Straßburg in der Wilhelmer Kirche, wo sie auch kurzzeitig im Kirchenchor mitwirkte und dabei unter Ernst Münch einmal die Bachsche Matthäuspassion mitsang. Auf das Schulende folgte ihre Tanzstunde im Saal des Englischen Hofes, während dieser lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Zunächst aber ging Paula noch ein Jahr lang in die Industrieschule des Vaterländischen Frauenvereins in der Schiffleutgasse, um Nähen zu lernen. Etwa während dieser Zeit verließ die Familie ihrer Freundin Elsa Straßburg, um zurück auf deren Besitz in Fischbeck im Weserbergland zu ziehen; Grund dafür war die schlechte Gesundheit Elsas Mutter und die erhoffte gute Wirkung der dortigen Landluft.

Das Kochbuch ist auf der Titelseite datiert mit “Büdesheim März 1894”, Paula war zu diesem Zeitpunkt 17,5 Jahre alt. In ihren handschriftlichen Erinnerungen, die bis zur Zeit ihrer Hochzeit reichen, wird Büdesheim nicht erwähnt.

Ehepaar Wagenitz: Franz und Paula, geb. Bieber. Straßburg, etwa 1897Ehepaar Wagenitz ~1897 Franz Wagenitz Pauline geb. Bieber Straßburg ~1897 (Privatbesitz)

Am 23.09.1897, mit knapp 21 Jahren, heiratete Paula in Straßburg Paul Karl Franz Wagenitz (07.06.1872 Straßburg – 1956). Franz hatte in Straßburg 1894 eine Feldmesser-Ausbildung abgeschlossen, spätere berufliche Titel waren Katasterdirektor und Regierungsvermessungsrat. In der Familie wird erzählt, er habe in den Vogesen, an der Grenze zu Frankreich, Grenzsteine gesetzt.

Paula und Franz Wagenitz waren in mancher Hinsicht ein sehr ungleiches Paar: äußerlich fiel auf, dass er hager und sehr groß war, während sie eher eine kleinere Statur hatte (vgl. auch Foto unten). Franz war von beiden der strengere, weniger nachsichtige Mensch, während von Paula als sehr liebevoller Person berichtet wurde. Beide tanzten gemeinsam in der „Philharmonie“-Gesellschaft.

Franz und Paula Wagenitz (stehend von rechts), mit Tanzgemeinschaft (Privatbesitz)

Mit ihrem Mann zog Paula kurz nach deren Hochzeit weg von ihrem „vielgeliebten“ Straßburg – „des Lebens Ernst und seine Pflichten hatten [damit für Paula] begonnen“. Familie Wagenitz lebte im Elsaß an wechselnden Orten: Zunächst war Franz in den Katasterämtern Colmar und Thann beschäftigt. Das Paar lebte 1897-1899 in Weier auf’m Land (heute F-Horbourg–Wihr en plaine), dort wurde am 21.08.1898 das erste Kind der beiden, Charlotte Frieda Else (genannt „Lotte“), geboren.

Paula und Franz mit Tochter Lotte, Egisheim, 1900 (Privatbesitz)

Von 1899 bis 01.04.1904 lebten sie in Egisheim (Hauptstraße, heute F-Eguisheim), dort brachte Paula am 03.06.1900 den Sohn Hans Fritz Franz und am 28.01.1902 die Tochter Else zur Welt. Rosalie hieß das Hausmädchen der Familie.
Alle fünf wohnten ab 1904 in der Fechtstraße in Türkheim (heute F-Turckheim, Quai de la Fecht 12). Die jüngste Tochter Else fiel im Mai 1904 im dortigen Garten beim Spielen in ein Wasserfass und überlebte dies nicht.

Ab 01.04.1906 ist Franz Leiter des neugegründeten Katasteramtes in Drülingen im „krummen Elsaß“, Kreis Zabern, sodass auch die Familie ab dann und bis 14.02.1910 in Drülingen lebt, in einem Diensthaus, damals am Ortseingang (heute F-Drulingen, 22 Rue de Phalsbourg), gegenüber des Endbahnhofes Drülingen-Grauftal der Schmalspurbahn nach Lützelburg.

Ab 1910 arbeitete Franz am Kaiserlichen Katasteramt in Metz, der damaligen Hauptstadt des Bezirkes Lothringen, sodass die Familie am 15.02.1910 ebenfalls nach Metz zog, zunächst nach Metz-Plantières, Straßburger Str. 14 (heute Avenue de Plantières). 1912 bezogen sie eine Wohnung im Kaiserlichen Katasteramt in Metz-Queuleu, Rheinische Str. 108 (heute 39, Rue St. Maximin, siehe Foto12: mit Glasveranda im ersten OG, lt. Google Earth ist diese noch heute vorhanden).
Lotte wurde im Frühjahr 1913 von dort in der evang. Kirche (heute Temple de Queuleu-Plantières, Rue de Gournay 10) konfirmiert. Ab 1914 wohnte die Familie in Metz im „Gewerbehaus“ am Kaiser-Wilhelm-Platz (heute Place Raymon Mondon 5). Lotte besuchte in Metz die Städtische Höhere Mädchenschule, ihre Reifeprüfung legte sie dort am 03.07.1918 ab.
Von 1914 bis 1918 dauerte der erste Weltkrieg. Mehrfach notierte Paula Kriegsrezepte in ihrem Kochbuch. So vermerkte sie als „Kriegsküche“, auf den 18.01.1918 datiert, „Graupenklöße mit pikanter Sauce“.
Nach dem Waffenstillstand 1918 wurde in der Nacht vom 17. auf den 18. November in Metz, unmittelbar vor dem Haus der Wagenitz-Wohnung am ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Ring, das Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. vom Sockel gestürzt. Im Straßenstaub liegend symbolisierte dies eindrucksvoll den französischen Sieg und das Ende der deutschen Herrschaft (vgl. http://www.memotransfront.uni-saarland.de/wilhelm_metz.shtml), so sehr, dass auch dies in die mündlich überlieferte Familiengeschichte einging.
Lotte besuchte zu der Zeit das Höhere Lehrerinnen-Seminar in Metz, am Tag darauf (am 19.11.1918) legte sie dort die Lehramtsprüfung ab – verfrüht wegen der Übergabe der Schule: Das Elsass fiel an Frankreich zurück, Deutsche wurden ausgewiesen. Die Familien Wagenitz in Metz und Bieber in Straßburg verließen im Frühjahr 1919 das Elsass: „ohne Hausrat, ohne Geld“, singend „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, / den schickt er auf die Kehler Brück’, / den läßt er nach Deutschland ausweisen / mit 20 Kilo Handgepäck.“

Paula Bieber vh. Wagenitz, etwa 1919, bei Schwarzort / Ostpreußen (Privatbesitz)

Zunächst zog Paulas Familie nach Tilsit (siehe Foto13), dann nach Berleburg. Von dort aus arbeitete Lotte als Lehrerin. Die Eltern Bieber starben 1920 und 1924.

Franz Wagenitz, Elsa Weymann geb. Anton, Paula Wagenitz, vermutl. Hr. Weymann; vor dem Weißen Haus / Waldhof in Fischbeck (Privatbesitz)

Als spätere Wohnorte von Paula und Franz sind mir bekannt Essen (1930), wo Franz eine Stelle als Katasterdirektor inne hatte, und Fischbeck (an der Weser, heute Stadtteil von Hessisch Oldendorf – der Ort, an dem im „Waldhof/Weißes Haus“ Paulas Schulfreundin Else Anton, inzwischen verheiratete Weymann, lebte). Auch in der Zeit in Fischbeck notierte Paula in ihrem Kochbuch Rezepte, mit Quellenangaben zu den Rezepten, die sie von anderen Fischbecker Familien erhalten hatte.

Am 29.03.1956, im selben Jahr wie ihr Mann, starb Paula Wagenitz, geb. Bieber.
Ihr Kochbuch wurde weitergereicht an deren Tochter Lotte. Auch sie nutzte das Kochbuch aktiv – und schrieb es etwas fort: die Schrift auf drei Seiten (115, 116, 117) ist ihre Handschrift.